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  #21  
Alt 15.09.2015, 21:32
sockenschuss sockenschuss ist offline
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Haben Sie vor der Auffälligkeit jemand um Hilfe gebeten, um den Drogenkonsum zu beenden?
Nein, ich hatte ja erst kurz vor der Kurierfahrt angefangen und sah damals noch kein Problem in meinem Konsum. Allerdings erkannte ich einige Wochen nach der Fahrt zumindest, mit wem ich da eigentlich zu tun hatte und brach den Kontakt zu Mr und Mrs X sofort ab und zog überstürzt aus. Bis ich etwas richtiges Neues gefunden hatte, übernachtete ich die ersten 2 Wochen auf dem Sofa eines Freundes aus meiner Ausbildung und vertraute mich ihm schließlich an. Er fing mich auf und half mir, mich zu erholen und wieder ins Leben zurückzufinden. Ich war noch nicht so weit, sofort aufzuhören, doch er gab mir bereits in dieser Zeit die entscheidenden Anstöße, die mich dazu veranlassten, mal richtig über mich nachzudenken und etwas zu tun. Ich erkannte, dass der erste Schritt zum Lösen meiner Probleme darin lag, mich mit meiner Mutter auszusprechen. So fuhr ich im April 2013 zu ihr nach Hause und machte komplett reinen Tisch – ich erzählte ihr von meinen Gefühlen und meiner Sorge ihr gegenüber, von unserem Verhältnis, das für mich so schwierig war und auch von der Situation, in die ich mich gebracht hatte – inklusive Drogenkonsum und der Fahrt. Es fiel mir extrem schwer und ich hatte Angst, sie würde das nicht verkraften. Sie war zuerst auch wirklich geschockt, fing sich jedoch schnell wieder und wollte mir – und sich selbst - helfen. Wir redeten total viel miteinander und besuchten 3-4 Mal eine akute Notfallsprechstunde bei einer Therapeutin, die uns dabei half, unser Verhältnis aufzuarbeiten. Ich erkannte, dass ich als Tochter nicht das komplette Leben meiner Mutter verändern konnte und auch akzeptieren musste, wie sie ist. Gleichzeitig lernte auch meine Mutter viel über sich – auch sie erkannte sich in mir wieder – und versucht seither auch immer mehr, ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen. Wir näherten uns wieder an und ich begann gleichzeitig, neben meinem ganzen früheren Verhalten und Gefühlen auch meinen Konsum richtig zu reflektieren. Ich erkannte langsam, wie schädlich er tatsächlich war und dass er meine Probleme verschlimmert statt verbessert hatte – nicht zuletzt dank der Hilfe meiner Mutter und auch meines Sofa-Freundes. Die beiden zeigten mir eine ganz andere Sicht auf mich selbst und meine Situation. Es war damals wichtig für mich, die beiden hinter mir zu wissen, während ich mein Leben neu ordnete und wieder aufnahm. Schließlich hörte ich im Juli 2013 komplett auf.

Gibt es in Ihrer Familie aktenkundige Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz oder Suchtkrankheiten?
Mein Vater war starker Raucher und starb letztendlich auch an den Folgen seiner Nikotinsucht.

Hatten sie Konsumpausen/spitzen?

Siehe oben – meine Konsumspitze war zwischen Dezember 12 und Februar 13, nach meiner Kündigung und zusammen mit meiner Bekanntschaft mit Mr und Mrs X, die mich an die Drogen heranführten. Danach konsumierte ich wesentlich weniger, bis ich dann im Juli 2013 komplett aufhörte.

Was hat Sie daran gehindert, ohne Droge abzuschalten?
Ich hatte nie gelernt, richtig abzuschalten und meine Probleme aus der Welt zu schaffen – stattdessen hatte ich sie seit meiner Jugend immer nur verdrängt. Dabei halfen mir die Drogen ungemein: Wenn ich drauf war, waren die Probleme einfach nicht mehr präsent und ich fühlte mich toll. Die Drogen sah ich als die einfachste Lösung meiner Probleme - leider wollte ich damals nicht erkennen, dass sie alles andere als nachhaltig und im Endeffekt sogar schädlich für mich war. Im Vordergrund stand für mich einfach, mich wieder lebendig fühlen zu können und mich mal nicht komplett schlecht fühlen zu müssen.

Waren Sie gefährdet in eine Drogenabhängigkeit zu geraten?
Schon beim einmaligen Konsum von Ecstasy und Speed ist man gefährdet, in eine Abhängigkeit zu rutschen. Damals sah ich die Gefahr zwar nicht, doch als ich mich von Mr und Mrs X langsam entfernte, wurde mir immer klarer, wie gefährlich mein Konsum war und vor allem, wie schnell er sich in den 2 Monaten gesteigert hatte.

Waren sie Drogenabhängig?
Nein.

Wieso passiert das nicht wieder?
Hätten sie, rückblickend, eine Drogenkarriere verhindern können?
Natürlich hätte ich sie verhindern können. Hätte ich schon früher gelernt, Probleme auf die richtige Art zu bewältigen, statt sie zu verdrängen, mich anderen Menschen anzuvertrauen und ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln, so wäre es nie so weit gekommen. Schon während meiner Ausbildung hätte ich erkennen können, dass mein Arbeitspensum gar nicht zu schaffen war und mich meinem Chef anvertrauen können. Vielleicht hätten wir etwas zusammen an meiner Situation ändern können – falls nicht, hätte ich mit besserer Einschätzung der Situation rechtzeitig die Notbremse ziehen und kündigen können. Ich hätte meinen gescheiterten Plan, diese Ausbildung durchzuziehen, nicht als das Ende der Welt angesehen, mich selbst nicht so sehr dafür verurteilt und mich stattdessen meiner Mutter und meinen Freunden anvertrauen sollen – dann hätte ich die Drogen sicher nicht gebraucht und es wäre nie so weit gekommen. Aus heutiger Sicht waren meine damaligen Probleme zwar krass und schlimm, jedoch nie unlösbar und hatten ihren Ursprung vor allem schon viel früher – nämlich in mir selbst.

Wieso haben Sie sich für eine Abstinenz entschieden?
Weil ich mein Leben endlich wieder in die Hand nehmen wollte, statt mich selbst zu bemitleiden und einfach nichts zu machen. Nachdem ich den Kontakt zu Mr und Mrs X abgebrochen hatte, begann ich ja, mich selbst zu reflektieren (siehe oben). Ich erkannte langsam, dass ich viel zu sehr dazu neigte, Dinge zu verdrängen – und dass die Drogen ein äußerst dankbares Hilfsmittel dafür waren. Wenn mich die Probleme damals zu überwältigen drohten, dann konsumierte ich Drogen und tauchte für 1-2 Tage ab in eine Welt voller Party, in der man nicht nachdenken musste. Danach musste ich mich erstmal vom Konsum erholen, mir ging es allgemein nicht sehr gut aber ich dachte weiter nicht so sehr über meine Probleme nach. Heute weiß ich, dass ich damit meine Leidensphase eigentlich nur verlängerte. Nach meinem Auszug bei Mrs X brauchte ich einige Wochen, um mich von allem zu erholen – danach wuchs in mir aber der Wunsch, mein Leben wieder in die Hand zu nehmen. Ich begann, mich viel mit mir selbst zu beschäftigen und entwickelte einen neuen Berufstraum, den ich bis heute verfolge. Ich schrieb mich für das Studium ein und war von Anfang an bestrebt, gute Leistungen zu erbringen. Daneben wollte ich mehr auf mich schauen und nur noch Sachen machen, die mir gut tun und die das Leben für mich lebenswert machen. Ich begann, mich wieder politisch zu engagieren und Musik zu machen (beides hatte ich früher während meiner Schulzeit gemacht, dann aber nicht weiterverfolgt) und entdeckte auch den Sport für mich. Ich habe mit alldem nun Sachen gefunden, die mich erfüllen und die mir wichtig sind, ohne mich – wie früher – zu sehr auf eine einzige Sache zu fixieren und mein ganzes Selbstwertgefühl und Leben von ihr abhängig zu machen. Damals habe ich dann noch 3-4 Mal in 5 Monaten konsumiert, doch ich erkannte schnell, dass dies einfach zu meinem neuen Leben nicht mehr passte und ich dadurch wieder in alte Muster zurückfiel. Das Gefühl nach dem Konsum erinnerte mich viel zu sehr an meine schwere Zeit bei Mrs X und ich bekam zuletzt schon während des Konsums ein schlechtes Gewissen, weil eigentlich schon in meinem Kopf angekommen war, wie schädlich er eigentlich für mich war. Deshalb stellte ich ihn dann komplett ein.

Beschreiben Sie den Punkt, an dem Sie sich für ein abstinentes Leben entschieden haben (Knackpunkt)
Mr X begann, mich zu terrorisieren – trotz seiner Freundin wollte er mit mir ein Verhältnis anfangen und bedrängte mich, noch mehr Fahrten für ihn zu machen. Für mich war das jedoch eine einmalige Hilfe in der Not gewesen, ich wollte keine permanente Fahrerin für ihn werden. Ich begann, den Kontakt zu ihm zu meiden, was ihn rasend machte; er begann mich auch mithilfe von Mrs X zu kontrollieren, war ständig bei uns zuhause und schrieb mir täglich bis zu 100 SMS. Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus und floh aus der Wohnung aufs Sofa eines Bekannten. Unbewusst war mir schon damals klar, dass die beiden nicht zuletzt wegen der Drogen so verrückt waren, doch zunächst schob ich es einfach auf ihre Personen und dachte, ich könne mit dem Konsum viel besser umgehen. Trotzdem reduzierte ich ihn schon ab diesem Punkt drastisch, da ich selbst gar keine Quelle hatte (Mr X hatte mir vorher immer einfach etwas geschenkt, wenn wir zusammen konsumierten). Außerdem fand ich es komisch, alleine zuhause zu konsumieren. Die Partys besuchte ich seit dem Kontaktabbruch nicht mehr, aus Angst, die beiden dort zu treffen. In der Zeit nach meinem Auszug begann ich wie schon beschrieben, viel über mich nachzudenken und mir wurde immer klarer, welche Rolle die Drogen in so kurzer Zeit in meinem Leben gespielt hatten und wie ich mir mit ihnen nur noch neue Probleme geschaffen hatte, statt mich um meine bestehenden zu kümmern und sie aus der Welt zu schaffen. Der endgültige Wachrüttler bestand dann darin, dass ich im Juli 2013 von der Kripo zu einer Zeugenvernehmung gegen Mr X gebeten wurde. Im Verlauf des Verhörs erfuhr ich dann die wahre Tragweite seines Handeltreibens – er war tatsächlich ein ziemlich großer Fisch – und mir wurde das Ganze immer unheimlicher. Außerdem erkannte ich, dass ich verdächtigt wurde, etwas mit seinen Geschäften zu tun zu haben, was mich unglaublich schockierte. Ich hatte mich immer für ein braves Mädchen gehalten, und nun stand ich plötzlich in Zusammenhang mit einem Großdealer – und das nicht einmal unberechtigt! Ich erkannte, wie sehr ich meine Situation unnötigerweise verschlimmert hatte und schmiss den Rest meiner Drogen am Tag nach dem Verhör ins Klo.
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  #22  
Alt 15.09.2015, 21:34
sockenschuss sockenschuss ist offline
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Wieso kommt für Sie nur Abstinenz und nicht gelegentlicher Konsum in betracht?
Aufgrund meiner Erlebnisse sehe ich mich grundsätzlich als ziemlich gefährdet an, was Suchtmittel betrifft. Ich habe meinen Konsum ja fast komplett von Anfang an zu mindestens einmal wöchentlich gesteigert, war also von Anfang an nicht in der Lage, ihn zu kontrollieren. Ich habe an eigenem Leib erlebt, dass ich mit Drogen nicht umgehen kann und wie schnell der Konsum und das Umfeld einen nach unten ziehen können. Am Ende meiner Konsumzeit wurden mir unterbewusst die Probleme meines Konsums immer klarer, sodass ich als Resultat auch mein High-Sein nicht mehr genießen konnte, sondern sogar schon während des Rauschs ein schlechtes Gewissen bekam. Die vermeintlich positiven Wirkungen des Konsums existieren heute für mich also gar nicht mehr.
Außerdem habe ich mir bis heute ein tolles Leben aufgebaut, was ich nicht geschafft hätte, wenn ich einfach weiter konsumiert hätte. Seit ich abstinent lebe, habe ich ein langsam ein gesundes Selbstbewusstsein entwickelt. Dies hilft mir dabei, Ereignisse in meinem Leben anders zu bewerten und nicht immer nur bei mir die Schuld zu suchen. Ich muss nicht mehr um jeden Preis „stark“ wirken und gestehe es mir auch zu, Schwäche zu zeigen. Ich habe gelernt, dass es mir gut tut, mich anderen Menschen anzuvertrauen und dass sie dies nicht von mir wegstößt, sondern Beziehungen sogar noch intensivieren kann. Habe ich heute Probleme, so kann ich mich meiner Mutter und meinen Freunden anvertrauen und weiß, dass sie mich deshalb nicht weniger gern haben werden. Mit diesen inneren Veränderungen, die nur durch die Abstinenz vonstatten gehen konnten, hatte ich endlich wieder Kraft, um mir ein tolles Leben mit vielen Dingen, die mir wichtig sind, aufzubauen. Ich müsste sie keinesfalls durch erneuten Drogenkonsum gefährden. Seit 2 Jahren studiere ich nun Sozialwissenschaften an der Uni und möchte damit meinen neuen Traum verwirklichen, Non-Profit Organisationen zu managen. Daneben engagiere ich mich politisch, wodurch ich mich gut fühle und was meinem Leben einen Sinn gibt. Ich mache Musik, Sport und habe mir ein tolles soziales Umfeld aufgebaut. Ich bin also sehr aktiv und habe keine Lust, für eine Nacht/einen Tag voller Spaß mindestens 2 weitere Tage in Kauf zu nehmen, in denen ich komplett außer Gefecht bin. Das passt einfach nicht mehr zu meinem heutigen Leben.

Wie haben Sie die Umstellung zur Abstinenz erlebt?
Ehrlich gesagt war es für mich nicht sehr schwierig nichts mehr zu nehmen, da ich ja meinen Konsum schon zuvor drastisch reduziert hatte. Trotzdem sehnte ich mich direkt nach der Umstellung einige Male noch danach, auf Partys mit Amphetaminen zu gehen. Das hat sich aber schnell gelegt, vor allem, nachdem ich andere Methoden gefunden habe, um mich abzureagieren und abzuschalten: Ich mache nun schon länger Thai Bo, eine Mischung aus Aerobic und Kampfsport, die man zu Technomusik macht. Dabei kann ich mich total abreagieren, wenn ich mal Probleme habe, vergesse auch die Welt um mich herum und fühle mich danach total lebendig. Zusätzlich habe ich Autogenes Training für mich entdeckt, das mir extrem dabei hilft, einen klaren Kopf zu bekommen und mich stärkt, damit kann ich „meine Akkus aufladen“. Dass ich mir sowas gönnen sollte, war mir früher gar nicht richtig bewusst – seit ich abstinent lebe, nehme ich meine eigenen Bedürfnisse und Gefühlslagen viel besser und klarer wahr und habe gelernt, auf sie einzugehen.
Ansonsten war die Umstellung zur Abstinenz eine durchweg positive Erfahrung. Nach der Erholungsphase zwischen März und Juli 2013 hatte ich wieder genug Kraft gesammelt, um mein Leben endlich wieder in die Hand zu nehmen. Ich fing damit an, meine Kindheitsprobleme und die Probleme mit meiner Mutter durch Gespräche mit ihr, mit der Psychologin vom Krisendienst und viel Selbstreflexion aufzuarbeiten. Ich habe erkannt, dass ich stets zu selbstkritisch war, kein Selbstwertgefühl hatte und über die Jahre hinweg stets ein schlechtes Gewissen wegen meinem Vater und später auch wegen meiner Mutter (ich konnte ihr nicht helfen) mit mir herumgetragen habe. Einerseits hatte ich das total verdrängt, dies gelang mir aber nicht komplett, sodass es bei jedem kleineren und größere Problem zutage trat, an denen ich mir stets selbst die Schuld gab. Das ist heute ganz anders. Ich begann, an meinem Selbstwertgefühl zu arbeiten und brachte mir bei, Probleme direkt anzugehen, anstatt sie zu verdrängen und sie so noch weiter zu verschlimmern. Ich interpretiere Ereignisse heute ganz anders und sehe nicht mehr nur mich selbst in der Schuld. Ich bin mittlerweile viel weniger unsicher als früher, weiß jetzt was ich wert bin. Seit ich abstinent lebe, habe ich außerdem gelernt, mich Leuten anzuvertrauen und nicht mehr alles nur mit mir selbst auszumachen – vor allem die Gespräche mit der Psychologin und meiner Mutter haben mir gezeigt, wie heilsam und hilfreich dies sei kann und dass andere einen deswegen nicht weniger mögen. Ich habe mit der Abstinenz viel über mich und mein bisheriges Leben nachgedacht, vollkommen anders reflektiert und habe eine unheimlich prägende Erkenntnis gewonnen: Ich muss keine Angst mehr haben. Ich habe aus meiner damaligen Sicht alles verloren, hatte eine sehr schwere Zeit und habe mich in krasse Probleme gebracht. Trotzdem habe ich es irgendwie überwunden und stehe heute hier, genieße mein Leben. Es ist also nichts unlösbar und alles wird sich immer irgendwie fügen, wenn man nur genug dafür tut. Diese Erkenntnis – ich würde es als eine Art Grundvertrauen ins Leben bezeichnen – ist sehr wichtig für mich und lässt mich die Dinge ganz anders sehen und angehen.

Außerdem habe ich gelernt, in meinem Leben nicht mehr nur die Erwartungen anderer erfüllen zu wollen, sondern meine eigenen Bedürfnisse vorne anzustellen. Dementsprechend habe ich versucht, alle Sachen abzulegen, die mir nicht gut taten, und mir stattdessen ein Leben aufzubauen, das wieder lebenswert ist. Dabei war mir auch wichtig, mich nicht mehr nur auf eine Sache (damals: Eventmanagement bei der Agentur) zu konzentrieren und mein ganzes Glück und Selbstwertgefühl von ihrem Gelingen abhängig zu machen. Stattdessen habe ich heute viele Menschen und Sachen, die mir wichtig sind und die mein Leben lebenswert machen:
Ich nahm den Kontakt mit meinen alten Freunden wieder auf und machte mit allen reinen Tisch, insbesondere auch mit meiner Mutter. Auch in der Großstadt, in der ich lebte, begann ich mir ein neues, stabiles Umfeld aufzubauen. Nach einer Zwischenmiete zog ich in eine WG mit Freunden, die selbst gar nichts mit Drogen zu tun haben und denen ich trotzdem alles erzählen konnte. Sie unterstützen mich in jeder schwierigen Zeit und sind gleichzeitig wachsam, falls ich wiedermal in Schwierigkeiten geraten sollte. Außerdem suchte ich mir zunächst einen Job in der Gastronomie, um endlich wieder selbst Geld zu verdienen, und beschäftigte mich viel damit, was ich mit meinem zukünftigen Leben anfangen will. Ich begann wieder damit, mich politisch zu engagieren – das hatte ich bereits während der Schulzeit getan, danach war es aber verloren gegangen und ich merkte, wie sehr mir das eigentlich gefehlt hat. Damit einher ging es, dass ich meinen neuen Berufswunsch herausfand: Projektmanagement und Eigenmarketing für NGOs. Als ich das herausgefunden hatte, nahm ich mein Studium auf, das ich mittlerweile seit 2 Jahren sehr erfolgreich durchziehe und das mich erfüllt. Auch im Studium habe ich viele neue Freunde gefunden und ich fühle mich in der Stadt nun endlich komplett zuhause, was sehr wichtig für mich ist. Wenn ich heute Probleme habe, so versuche ich zunächst, sie genau zu analysieren und zu sehen, ob sie wirklich so unlösbar sind, wie sie mir oft am Anfang erscheinen. Ich schreibe mir gern etwas dazu auf und bespreche danach meine Sichtweise mit meiner Mutter und engen Freunden, um herauszufinden, inwieweit sich unsere Sichtweisen decken.

Wer hat Ihnen dabei wie geholfen?
Wie gesagt hat mir besonders meine Mutter dabei geholfen, mit der ich reinen Tisch machte, viele Dinge aufarbeitete und zu der meine Beziehung heute so intensiv und unbelastet ist wie nie zuvor. Eine weitere wichtige Stütze, besonders direkt nach der schweren Zeit mit Mr und Mrs X, war der Freund, bei dem ich übergangsweise dann auf dem Sofa übernachtet hatte. Er gab mir einerseits genug Raum, mich zu erholen und zu mir zu kommen und achtete andererseits darauf, dass ich begann, mich und meine Probleme aktiv anzugehen und zu reflektieren, anstatt sie abermals zu verdrängen und letztendlich wieder nur aufzuschieben. Noch heute ist er mein bester Freund. Wichtig für mich war auch eine Dame von der Caritas-Akutberatung, die ich 4 Mal aufgesucht hatte. Sie hat mir viel dabei geholfen, das Verhältnis mit meiner Mutter entspannter zu sehen und überhaupt wieder auf meine Mutter zuzugehen. Ich erkannte, dass ich unsere Rollen komplett vertauscht hatte und dass es so weder für meine Mutter noch für mich gut funktionieren konnte. Später dann, als ich schon etwas länger abstinent lebte und nachdem mir mein Führerschein entzogen wurde, suchte ich mir zur Vorbereitung auf die MPU eine Art Selbsthilfegruppe, bestehend aus MPU-Betroffenen. Auch der Kontakt mit ihnen tut mir sehr gut – das sind Leute, die selbst einmal mit Drogen zu tun hatten, mich deshalb noch besser verstehen als andere Freunde und die mir immer wieder wichtige Tipps und Anregungen für ein selbstbestimmtes, glückliches Leben mit auf den Weg geben. Durch sie weiß ich, dass ich nicht allein dastehe und kein Einzelfall bin, wodurch ich mein Selbstwertgefühl nochmal um ein Vielfaches verbessern konnte.
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  #23  
Alt 15.09.2015, 21:35
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Wie reagiert Ihr Umfeld auf diese Umstellung?
Der Großteil meines Umfelds wusste ja gar nichts von meinem Drogenkonsum und hatte in der Zeit auch keinen Kontakt zu mir, sodass sie gar nicht viel mitbekommen haben, außer meinen Erzählungen. Das positivste Feedback habe ich von meinem Freund mit dem Sofa bekommen – als ich bei ihm ankam und ihm alles gestand, war ich total am Boden und er erlebte in den nächsten Monaten, wie ich mich wieder aufrappelte. Er ist unheimlich stolz auf mich und freut sich über meinen Wandel. Meine Mutter ist natürlich überglücklich, weil wir uns so nahe sind wie nie zuvor und endlich über alles gesprochen haben, was jahrelang zwischen uns stand.

Haben Sie nach der Auffälligkeit weiterhin Kontakt zu Ihren Drogenbekannten gehabt?
Wie bereits beschrieben, hat Mr X mithilfe von Mrs X schon bald nach der Kurierfahrt angefangen, mich zu terrorisieren und ich distanzierte mich immer mehr von ihnen – zuerst innerlich und dadurch, dass ich immer weniger mit ihnen machte, und nach 2 Wochen auch komplett, indem ich aus der gemeinsamen Wohnung mit Mrs X auszog. Ich wechselte meine Handynummer und verriet ihnen meinen neuen Wohnort nicht, sodass sie mich danach in Ruhe ließen. Wie mich die beiden am Ende terrorisiert und kontrolliert haben, war wirklich schlimm und ich bin sehr froh, mich von ihnen ohne großeren Ärger gelöst zu haben. Ich bin da wohl noch mit einem blauen Auge davon gekommen. Die anderen Drogenleute kannte ich eigentlich nur von Partys, auf denen ich mit Mr und Mrs X unterwegs war. Auf diese Partys ging ich dann nicht mehr, da ich Angst hatte, den beiden dort über den Weg zu laufen, sodass sich der Kontakt mit den Anderen dadurch auch erübrigte.

Haben Sie nach Ihrer Auffälligkeit miterlebt, wie Ihre Bekannten Drogen konsumiert haben?
Ich habe keine Freunde mehr, die Drogen konsumieren. Allerdings habe ich schon 1,2x auf Studentenpartys mitbekommen, wie dort Cannabis geraucht wurde. Da ich Cannabis sowieso noch nie mochte, stellt dies jedoch in keinster Weise irgendeine Art von Versuchung für mich dar. Da ich schon den Geruch nicht leiden kann, gehe ich immer direkt weg, wenn ich mitbekomme, dass jemand kifft.

Wie haben Sie in Zukunft vor mit dem Konsum umzugehen?
Konsum kommt für mich einfach nicht mehr infrage und ich meide jedweden Kontakt mit Drogenkonsumenten.

Haben Sie zu Hause Cannabis?
Weder Cannabis noch sonst irgendeine Droge.

Wie wollen Sie es gegebenen Falls in Zukunft verhindern, nochmals unter Drogeneinfluß ein KFZ zu führen?
Überhaupt kein Konsum mehr.

Wie wollen Sie einen beginnenden Rückfall erkennen?
Wie bereits erläutert, bin ich heute viel selbstreflektierter als damals. Konsumursache war bei mir u.a. der nichtvorhandene Umgang mit Problemen und mein geringes Selbstwertgefühl, aus dem resultierte, dass ich die Ereignisse immer für mich negativ auslegte. Heute bin ich extrem aufmerksam und schreibe oft auf, was ich die Woche über erlebt habe. Dies hilft mir dabei, zu erkennen, was mich eigentlich gerade genau beschäftigt. Merke ich, dass mir ein Thema schwer fällt, so weiß ich erst recht, dass ich mich damit genauer beschäftigen sollte. Dann mache ich mir dazu meine Gedanken und rede nachher mit meinem Umfeld, um ihre Interpretation mit meiner zu vergleichen. Durch den Abgleich würde ich sofort erkennen bzw. gesagt bekommen, wenn mein Selbstwertgefühl wieder gesunken ist und ich Ereignisse wieder falsch interpretiere, wie am Anfang meiner Drogenkarriere. Sobald ich mit meiner Mutter und meinen Freunden spreche, werden sie ebenfalls aufmerksam– sie wissen ja alle, dass ich mal Drogen konsumiert habe – und beobachten mich und mein Verhalten genau. Da ich heute im Gegensatz zu früher so viel Kontakt mit meinen Freunden habe, würden sie abweichendes Verhalten sofort bemerken und mich darauf aufmerksam machen.
Zusätzlich zu der Selbst- und Fremdbeobachtung habe ich wie bereits beschreiben viele Vermeidungsstrategien entwickelt, die ich heute sogar aus Spaß und routiniert betreibe: Thai Bo, Autogenes Training, Musik machen. Mein Studium, mein politisches Engagement und mein Nebenjob nehmen darüber hinaus viel Zeit in Anspruch und erfüllen mich. Ich weiß jetzt, was ich wert bin, dass ich kein Verlierertyp bin und dass mein Leben mir so wertvoll ist, dass ich es nicht wieder durch Drogenkonsum gefährden würde.
Sollte ich mal merken, dass all diese Hilfe und Vermeidung trotzdem nichts bringt und ich wieder anfange, mich fertig zu machen, würde ich mir diesmal sofort auch professionelle Hilfe suchen. Zunächst würde ich wieder zu einer Krisenhilfe gehen – ich habe dort tolle Erfahrungen gemacht – und unter Umständen dann sogar überlegen, eine Therapie bei einem Psychologen zu beginnen. Denn wenn sich in Zukunft wieder rausstellt, dass ich meine Probleme scheinbar doch nicht so gut lösen konnte, wie ich dachte, wäre das dringend nötig.

Wie ist derzeit der Konsum von Alkohol bei Ihnen?
Die Wirkung von Alkohol mochte ich noch nie so richtig, sodass ich seit Anfang 2012 kaum noch trinke – höchstens mal zu einer Geburtstagsfeier oder zu Silvester und wenn, dann max. 1-2 Bier à 0,33 l.
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  #24  
Alt 16.09.2015, 23:54
sockenschuss sockenschuss ist offline
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Wollt ihr den FB nicht durchgehen, weil ihr eh nicht glaubt, dass es klappt? Oder bin ich einfach nur zu ungeduldig? Wenn ja, tuts mir leid, ich kriege nur langsam echt Panik.

Ich habe noch ein paar konkrete Fragen dazu, vll. könnt ihr mir die ja beantworten? Dann müsst ihr den FB nicht so detailliert durchschauen. Wäre wirklich super.

1) Ich gehe ziemlich stark auf meine Probleme/Konsumursachen ein. Kann mir das auch negativ ausgelegt werden, z.B. dass der Gutachter meint, ich hätte eine Therapie gebraucht, wenns mir sooo schlecht ging? Oder bedeutet das nur, dass ich mich gut reflektiert habe und nichts beschönige?

2) Wahrheitsgemäß habe ich versucht, all meine Probleme darzustellen - somit habe ich nicht eine Konsumursache, sondern mehrere, die ineinander spielen. Ist das blöd? Soll ich bestimmt Ursachen lieber ganz weglassen, damit der GA besser durchblickt?

3) Kann ich mit meiner Konsumbio noch von bloßer Drogengefährdung ausgehen?

4) Wie ist der letzte Teil? Kann ich hier eine Stabilität und Lösung meiner Konsumursachen glaubhaft darstellen?
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  #25  
Alt 21.10.2015, 19:27
sockenschuss sockenschuss ist offline
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Hallo zusammen,

entgegen der meisten Meinungen hier hat es geklappt!!! Ich halte gerade meinen neuen Führerschein in der Hand Waaahnsinns-Gefühl!

Ich hatte meine Antworten noch ein bisschen angepasst, im Großen und Ganzen bin ich aber bei meiner Strategie geblieben. Es war so ähnlich, wie es schon westfalenradler gesagt hatte:

Ich konnte der Psychologin glaubhaft machen, dass bei mir eine bloße Drogengefährdung vorlag. DAS ist wirklich wichtig - man darf kein Kriterium für Drogenmissbrauch oder -abhängigkeit erfüllen. Wenn eine bloße Drogengefährdung vorlag, so reichen 6 Monate Abstinenz auch bei harten Drogen (bei mir gings um Speed & Ecstasy). Dann noch gute Rückfallstrategien entwickeln und verdeutlichen, wie sehr man mittlerweile gesattelt ist - und es läuft.

Damit will ich vor allem denjenigen Mut machen, die harte Drogen konsumiert haben, aber nicht so viel + lange. Spart euch die Kohle für 12 Monate Abstinenz - arbeitet an eurer Geschichte für den Psychologen, das ist 1000x wichtiger!
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