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Alt 03.01.2018, 19:07
Amira Amira ist offline
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Standard Teil 4

12. Warum haben Sie getrunken?

Nach dem Tennis so eine Schorle , 0,5l – die Hälfte ist Sprudel und gleicht den Wasserverlust vom Sport gut aus, brachte dann so eine wohlige Entspanntheit und ich konnte sehr zufrieden schlafen. Wenn ich nach dem Tennis noch zum Beispiel bügeln wollte, habe ich nichts getrunken, das war dann auch kein Problem.
Geburtstagen/ Silvester / Weihnachtsfeiern, weil es völlig normal war und mich locker machte.
Pflichtbewusstsein und damit verbundene Anerkennung bekommen / Stressbewältigung - um den temporären beruflichen massiven Druck, der permanent mit meinen Aufgaben, die zwar „karriereversprechend“ waren, mich für kurze Zeit zu entziehen. Während den Geschäftsessen, Anpassung und auch Stolz „dabei sein“ zu dürfen.
Verdrängung / Überdecken von negativen Gefühlen - Enttäuschung, Wut, Trauer
Meine Erziehung: Pflichtbewusstsein und Streben nach Anerkennung und Lob:
In meiner Kindheit wurden Konflikte nicht sichtbar ausgetragen, schon gar nicht drang Negatives nach Außen durch. Es war wichtig nach Außen hin gut auszusehen. Es galt für mich gute Noten nach Hause zu bringen, „ordentlich“ auszusehen und mich zu benehmen.
Mein Leistungsturnen / Rennmanschaft Skiclub machten meine Eltern sehr stolz. Nur die guten Sachen wurden immer mit Stolz erzählt. In Mathe hatte ich fast immer eine 1 – das erzählte mein Vater auch gerne – das Kind ist super sportlich und kann gut rechnen. Allgemeinbildung war nicht so wichtig, Diskussionen nicht erwünscht.
Die Berufswahl hat mein Vater für meine Schwester und mich entschieden. Wir wurden beide Techn. Zeichnerin statt Krankenschwester / Schneiderin - er selbst ist Maschinenbauingenieur. Seid ihr unter lauter Männern, da geht es euch gut. So war das damals tatsächlich und er hatte im Nachhinein Recht. Wollte Abitur machen, war aber nur ein Mädchen, das später mal heiratet. Diskussionen gab es bei uns nicht oder wurden im Keim erstickt.
Fehler wurden nicht als notwendig im Lernprozess des Lebens gesehen, sondern als Fehltritt, der hätte nicht passieren dürfen und man sich sehr schämen musste und vor anderen verheimlichen.
Ich habe mich an Menschen orientiert, die „besser“ waren als ich und als Messlatte für meine Ziele gesehen. Heute weiß ich, das ist Blödsinn. Es reicht, wenn ich mit mir zufrieden bin, aber rückblickend ist das leicht gesagt.
Ein Streben nach Perfektionismus: alles immer richtig und keine Probleme machen, klappte auch sehr erfolgreich:
Leistungsturnen, Abschluss-Prüfung mit Anerkennung der IHK, mit 23 Jahren Haus gebaut, erfolgreich Tennis gespielt, Anerkennung in der Skigruppe ….. Keine Frustration, keine Verdrängung nötig.

1 Tiefpunkt (1997) in meinem Leben:
Ab 35Jahre jedoch änderte sich mein Leben von heute auf morgen, als mein Mann die Kinder und mich sehr plötzlich verließ. Völlig neue Lebenssituation mit den verbundenen Zukunftsängsten.
Ich war auf mich alleine gestellt. Angst, Unsicherheit und Minderwertigkeit waren das Resultat daraus. Die Verantwortung für alles war schon enorm.
Ich hatte das Gefühl: Ich will weg laufen und das habe ich mit Alkohol kompensiert. Die Kinder waren im Bett und ich konnte durch den Rausch endlich mal weinen und traurig sein. Die Kinder sollten das ja auf keinen Fall mitbekommen. Auch half mir der Alkohol, in dieser Zeit Pläne zu schmieden.
Nach 3 Monaten, bin ich aus der „Nicht wahr haben Situation“ durch Wiedereinstellung in meiner Fa am 1.Dez 1997 heraus gekommen.
Endlich hatte ich wieder eine stabile Struktur in meinem Leben und war relativ glücklich.
Die Arbeit machte mir sehr viel Spaß, nach meiner „Zwangspause“ von 6 Jahren. Wir hatten eine sehr nette Tagemutter direkt in der Nachbarschaft, die uns 10Jahre lang unterstützte.
Ebenso haben uns meine Eltern oft entlastet. Vater bastelte an meinem Haus, Mama kochte und betreute die Kinder auch mal das ganze Wochenende.
2 Tiefpunkt (2016-2017) in meinem Leben:
2016 Am 1.11.2016 verstarb meine Mutter nach längerer schwerer Krankheit.
Mitte 2016 trank ich bereits vermehrt, als ich vom Krankenhaus kam und meine Mutter so sehen musste. Total abgemagert, hilflos und mit 88 Jahren hat man auch nicht mehr so viel Hoffnung. Die nötige Herzop wurde wegen der Schwäche meiner Mutter nicht durchgeführt.
An den Tagen (2-3) , an denen ich es zeitlich nicht mehr ins Studio schaffte, weil ich zuvor im Krankenhaus war, trank ich 1,5l Weinschorle (1 Flasche 0,75l Wein) und ging ins Bett. Abschalten, ausschalten, keine weiteren Gefühle und Traurigkeit zulassen. Am nächsten Tag rief die Arbeit, die mich ablenkte und trotz allem, Spaß machte. Wir haben ein gutes Betriebsklima.
Mein Vater 90 Jahre war ab diesem Zeitpunkt nach 64 Jahren Ehe, alleine in seinem Haus auf dem Land. Ich versuchte die Verantwortung zu übernehmen und organisierte alles Mögliche, war nach außen hin stark. Innerlich jedoch versteinert, konnte nur weinen, wenn ich getrunken habe und alleine war.
Mein Partner wohnt 70km weiter weg und er ist auch Nonstop beschäftigt und hat davon nicht viel mitbekommen.
Im Januar 2017 war ich mit meinem Schatz über meinen Geburtstag am Feldberg zum Skifahren und wurde am Lift zusammen gefahren. Ich hatte zwar Schmerzen, fuhr aber den ganzen Tag weiter. Am Abend ging dann gar nichts mehr, Bein ganz dick etc. , ich heulte und wie brachen diesen schönen Kurzurlaub ab. Diagnose 2 Wochen später: Kreuzbandriss und OP.
Eine Welt brach in mir zusammen. Hatte ich doch 2 Freundinnen, die ich nach einer Kreuzbandop begleitet habe und wusste, wie langwierig und nervig dieser Genesungsprozess sein kann. Kein Sport- wochenlang an Krücken etc.
Bin dann zur Arbeit gefahren und habe meinen Rechner geholt, um Home-Office zu machen. Wollte meine Kollegin nicht hängen lassen, sie hat 2 kleine Kinder und da kann man keine Überstunden machen, weiß ich ja nur zu gut. Natürlich tat ich das auch aus Pflichtbewusstsein und wollte trotz dieser massiven körperlichen Einschränkung, nützlich zu sein. Es lenkte mich ach ab.
Die Zeit nach der OP war dann echt furchtbar. Ich habe die Schmerzmittel nicht vertragen, hatte keinen Appetit (keine Bewegung) und hing nur am Geschäftsrechner, mein Tor zur Welt in dieser Phase. Meine sehr nette Kollegin und ich chatteten und telefonierten auch ständig. Das war ein großer Fehler. Ich bin nicht für meine Kollegin verantwortlich, sondern mein Chef.
Meine Skigruppe, mit der ich seit Jahren im März zum Skilaufen nach Trois Vallees ging, schicke mir dann per Whats App die tollsten Bilder und schrieben, dass Sie mich sehr vermissten. Sonne, Schnee, lachende Gesichter – Skifahren ist mit Abstand meine größte Leidenschaft. Das brach mir zusätzlich das Herz und die Sorgen, ob mein Knie wieder und vor allem wann gesund wird, belastete mich zusätzlich.
Von der Firma kam Anerkennung – supertoller Blumenstrauß und gute Besserungskarte, vom ganzen Team unterschrieben. Das tat natürlich gut und motivierte mich noch mehr. Ich machte sogar Abrechnung auf die Projekte. Mein Chef wollte das so, obwohl ich krankgeschrieben war und die Leistung eigentlich „kostenlos“ war. Er schrieb mir per Mail, bei uns ist gar nichts kostenlos.
Mein Vater kam öfter zu Besuch und machte mir das Leben dadurch nicht leichter. Ich war so was von genervt.
Kaum hatte ich den Rechner runter gefahren, machte ich mir eine Flasche Wein auf und trank 1 Schorle. Ich kam schnell runter und fühlte mich besser. Die Gesamtanspannung war weg, das Bewegungsdefizit (kein Sport), waren ausgeschaltet. Mir wurde alles bissel egal und ja, dann trank ich solange, bis die Flasche (0,75-1l Riesling) leer war und ging sofort schlafen. 2.Flasche blieb zu, im Hinblick auf die Arbeit im Home Office am nächsten Tag. Ohne Alkohol konnte ich nicht mal mehr einschlafen, die Gedanken/ Sorgen kreisten ständig in meinem Kopf. Außerdem hatte ich lange, lange noch Schmerzen im Bein. Hätte meinen Hausarzt kontaktieren sollen, der mir Schlaf-und Schmerzmittel gibt. Brauchte ich ja nicht, hatte ja Alkohol- mannomann!!!!!
In der Zeit habe mein altes Auto meinem Sohn geschenkt und mir einen Jahreswagen gekauft. Mit diesem Auto fuhr ich dann (2.Fahrt mit neuem Auto!!!), am Ende meiner Krankmeldung , am Samstag den 22.4.2017 (TF) zu meinem Vater. Am Montag den 24.4.2017 fuhr ich 5.33 zu meinem Arbeitgeber mit dem Zug und nahm meine Arbeit wieder auf. Ich stellte sofort den Alkoholkonsum ein. Ich lag im Krankenhaus auf der Intensivstation und ich denke, ich wurde entgiftet.
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Gruss Amira
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